28.08. Wir sind vom Lake Maninjau, an dem wir unsere Djungeltour gemacht haben weiter nach Norden gereist, auf einer dieser angenehmen 15-Stunden-fuer-500km-Busfahrten… ich will diese exemplarisch mal kurz schildern:
Wir setzen uns um 17Uhr -hektisch getrieben von den Eingeborenen am Busbahnhof- in irgendeinen Bus, der wie immer unbeschriftet ist, was die Hoffnung zumindest nicht zerstoert , dass er in die richtige Richtung faehrt. Natuerlich sind die ‘reservierten’ Plaetze besetzt, und wir werden auseinandergesetzt, immerhin ist der Bus so leer, dass jeder von uns beiden einen akzeptabelen Platz hat. Die Tueren schliessen sich, und spaetestens jetzt merkt man das eine Montour Klamotten plus Steppdecke gegen die Klimaanlage einfach nicht ankommt. Wenigstens frieren sich auch alle Indonesier im Bus zu Tode, und dass bei einer Aussentemperatur von immer noch 26Grad. Erfrieren am Aequator! Das ist Luxus!
Nach einer Wegstrecke von 500 Metern (ungelogen) haelt der Bus das erste Mal an und macht eine Pause von mindestens 1 1/2 Stunden. Auch ungelogen. Der Sinn und Zweck dieser Pause ist wie immer unklar, aber spaetestens jetzt freut man sich, dass man vorher wie ein bloeder mit Gepaeck zum Busbahnhof gehetzt ist, um auch ja nach den Regeln deutscher Puenktlichkeit da zu sein.
Na, was heisst der Sinn der Pause ist immer unklar, das stimmt so nicht ganz. Entweder muss der Fahrer Pinkeln. Oder auf Anschluss warten. Oder mit irgendwem Quatschen. Oder dumm rumstehen. Oder warten bis der Bus voll ist (kein Bus faehrt auch nur halbleer! Und voll heisst: So wie ein Bus in Deutschland voll ist. Und dann noch einer!). Aber: In den anderen 90% der Faelle ist der Sinn der Pause unklar!
Gut, wir sind also dann auch irgendwann losgefahren… Bus faehrt los, alle Lichter gehen aus und es schaltet sich die U-Boot-im-Kampf-Notbeleuchtung ein. Dazu kommen die gluehenden Punkte von den Kippen, die sich jeder im Bus auf einmal angemacht hat. Gibts in Deutschland nicht dieses neue Rauchverbot? Das wollen die hier jetzt auch einfuehren! Gleich nach der Frauengleichberechtigung, der Abschaffung der Todesstrafe und dem Judentum als Staatsreligion!
Und dann durch die Nacht, auf dem ach so toll ausgebauten Transsumatran Highway. Mein Sitznachbar schliesst Freundschaft mit mir und zeigt mir erquickliche Videos von einer Hetzjagd Hunde-gegen-Wildschweine inclusive anschliessendem Blutbad (das Schweinefleisch geht an die Hunde, Moslems essen ja kein Schweinefleisch. Dafuer essen sie hier in der Region Hundefleisch… ach, der ewige Kreislauf der Natur!). Dann bietet er mir -wir sind ja jetzt dicke Freunde- auch gleich eine Dame an, die etwas weiter vorne im Bus sitzt. Nur 80 000 Rupien (7 Euro). Mann, und ich hab grad kein Geld bei mir…
Mit Schlaf war nich viel, weil wegen Transsumatran Highway und Schlagloechern und Haarnadelkurven und so… dafuer konnten wir nachts um 3 live miterleben, wie sich der Bus durch den Erdrutsch manoevriert hat, der die eigentliche Strasse ein paar hundert Meter weiter nach unten befoerdert hat.
Aber: Wir haben auf der Fahrt dafuer einen wirklich netten Kerl und Leidensgenossen kennengelernt. Leon, 27, Kanadier und zur Zeit Mathelehrer in Kuala Lumpur! Und wir haben uns alle drei wohl auf Anhieb sympathisch gefunden, weswegen wir die folgenden vier Tage auch zusammen verbracht und durchlitten haben.
(Intermezzo: Privatsphaere wird hier uebrigens ganz gross geschrieben! Mir gucken seit 20 Minuten vier gickernde indonesische Teenager ueber die Schultern und verfolgen gespannt den Bildschirm, obwohl sie mit Sicherheit kein Wort verstehen… aber dass macht ja nix! Gell, ihr Flachbacken?!?)
Angekommen sind wir am Lake Toba. Das ist der groesste Vulkansee der Welt, immerhin stolze 1700 Quadratkilometer. Im Vergleich mit dem Ausbruch dieses Vulkans vor ein paar hunderttausend Jahren ist der Ausbruch des Pinatubos neulich mehr so was wie ein kleines Baeuerchen nach dem Abendessen.
Und weil er ein bisschen eitel ist, der See, haelt er sich seine eigene kleine Insel in der Mitte, bescheidene 40 Kilometer lang und 700 Kilometer hoch, und auf einem Auslaufer dieser Insel liegt Tuk Tuk; und da waren wir (uebrigens sehr zur Freude von Nak Nak, by the way).
Tuk Tuk ist ein echter Touri-Ort, nur ohne Touris: Bestimmt 20 Hotels zanken sich um die vielleicht 10 Touristen, die die Auswahl zwischen 20 Restaurants und 10 Souvenirlaeden haben. Der Ort waere mit Sicherheit die Hoelle, wenn er besucht waere… aber die zwei Bombenanschlaege in Jakarta und Bali sowie der ungerechtfertigte schlechte Ruf muslimischer Laender allgemein tut sein Werk, und so ist Tuk Tuk auch jetzt in der hiesigen Hauptsaison nicht mehr als eine Geisterstadt und verlassenes Denkmal dessen, was einmal den Wohlstand in die Gegend bringen sollte.
Um die zugehoerige Insel zu erkunden haben wir uns tags drauf mit Leon zusammen Motorraeder geliehen. Genaugenommen warens nur 125ccm-Maschinen, aber groessere Motorraeder machen hier eh keinen Sinn: Weder die Strassen, noch der Verkehr, noch die Krankenhausversorgung erlauben mehr.
Die Wege auf der Tour wurden im Inselinneren rapide schlechter, und aus dem gemuetlichen Motorradtrip wurde allsbald eine ungeplante Motocross-Tour, zumal wir unsere Orientierung im Djungel zugegebenermassen etwas verloren haben. Wie uns zum Beispiel auch von dem Kerl mit der Machete und den 6 Hunden klargemacht wurde, den wir als einzigen Menschen in Stunden getroffen haben und der nichts anderes zu tun hatte als im Wald zu sitzen und diesen Pfad zu bewachen. Und uns zuerst freundlich, danach etwas bestimmter von der Weiterfahrt abgeraten hat. Wir waren uns ziemlich sicher, den Weg zu einem Drogenanbau gefunden zu haben. Ein Gedanke, den Einheimische am Abend als sehr plausibel bestaetigten. Kurz nach Mittag fing es mal wieder an, dass der Himmel spontan eine ordentliche Ladung Sumatra Rain ueber uns verteilte; und dass was vorher noch Holperpfad war verwandelte sich kurzerhand in eine Mischung aus Matsch, Sturzbaechen und knietiefen Pfuetzen. Das war nicht Off-Road, das war Road-off! Da es sich im Djungel nicht so gut uebernachtet mussten wir wohl oder uebel durchschlagen – haette nie gedacht das Motorradfahren so eine Ganzkoerperbetaetigung sein kann. Ich machs nicht spannender als noetig – „Et het noch ever jot jejange!“, wie der Bonner sagt: wir habens kurz vor Sonnenuntergang ohne Platten oder so nach Tuk Tuk zurueckgeschafft und waren nass bis auf die Knochen und fix und fertig… coole Tour!
(Intermezzo: Und jetzt schon haben sich die gaffenden Indonesierjungs verzogen! Und die „Flachbacken“ haben sie anscheinend auch nicht verstanden! Puh!)
30.08. Weiter nach Norden, nach Berastagi. Ein beschauliches Oertchen im Vulkanland der „Karohighlands“… und den hoeheren Vulkan (2700m) haben wir gestern eingenommen; der Grund, warum Leon ueberhaupt eine Woche hier nach Sumatra geflogen ist. War ein Ganztagestrip, kurz nach Sonnenaufgang los und hoch, ausgeruestet mit Keksen und Wasser und viel zu alten und glatten Schuhen. Die ersten Stunden durch den Djungel waren nur anstrengend und matschig, der felsige Teil in Kraternaehe stellenweise ziemlich kniffelig. Entlohnt wurde die Anstrengung bei der Mittagspause auf dem Gipfel:
Der Vulkan hat keine aktive Lava mehr im Krater, aber massig Stellen an denen heisse Wasser- oder Schwefeldaempfe aufsteigen. Die Luft riecht nach Schwefel, und der Gipfel ist eingehuellt von einer ewigen Wolke, die je nach Wind mehr oder weniger den Blick freigibt auf eine unwirkliche, uebernatuerliche Felslandschaft… ungefaehr so, wie man sich die Berge von Mordor vorstellt. Was haette ich gerne irgendeinen Ring in den Krater geworfen!
Leider war der Gipfel so interessant, dass wir zu lange da oben verbracht haben – typischer Bergsteigerfehler. Der Himmel hat in der Zwischenzeit die naechste Portion Sumatra Rain vorbereitet, was den Abstieg vom Abenteuer ueber die Grenze des Wagemuts deutlich in Richtung Leichtsinn verschoben hat. Ich machs kurz: Et het noch ever jot jejange! Aber heilfroh waren wir schon als wir irgendwann wieder unten waren, und ausserdem so erschoepft wie lange nicht mehr.
Nett dann auch die Rueckfahrt im Minibus: Eine Indonesierin hat uns zunaechst nett angequatscht und ein bisschen Smalltalk gemacht. Dann wollte sie mich mit einer ihrer zwei huebschen Toechter verheiraten, die ebenfalls im Bus sassen. Wie nett!
Leider bin ich so ein unspontaner Mensch, und da hab ich dann so getan als ob ich sie nicht richtig verstehe. Stattdessen haben wir dann alle zusammen ein bisschen gesungen; es gibt so einen Stapel internationaler Lieder, die gehen einfach immer. Amazing Grace oder Let it be zum Beispiel; oder auch „Freude schoener Goetterfunken“ und „Nehmt Abschied, Brueder“ in Dreisprachig. Ja, und dann hat die Frau gute Frau Knut gefragt, ob er die Maedels nicht heiraten moechte. Aber der war gerade irgendwie nicht in Heiratslaune. Ein andernmal vielleicht.
01.09. Leon hat uns leider heute verlassen, weil er am Montag wieder in Kuala Lumpur in der Schule sein muss … aber da wir da sowieso in ein paar Wochen vorbeikommen werden wir ihn mit Sicherheit wiedersehen.
Uns tun zwar immer noch ein bisschen die Knochen weh, aber ich schaetze, morgen muss der kleinere der beiden Vulkane dran glauben… das Fitnessprogramm geht weiter. Ueberhaupt hab ich mich lange nicht mehr so koerperlich fit gefuehlt… schoenes Gefuehl!
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Die Kombination Internet plus Strom plus Zeit ist hier in der Gegend von Sumatra, durch die wir zur Zeit eiern mehr als lausig… also an dieser Stelle ein Sorry an alle eingehenden Mails, die ich nicht beantworten konnte, geschweige denn lesen. Bin froh, dass dieser Computer ueberhaupt den Blog geoeffnet hat…
Falls jemand von euch uebrigens mit einem netten Indonesier quatschen will, der mein Handy gestohlen oder gefunden hat: Einfach meine Nummer waehlen. Ansonsten koennt ihr dieselbe glaub ich getrost loeschen.
Ich kann leider nicht alle Leute (Backpacker wie Eingeborene) aufzaehlen, die uns auf unserer Reise begegnen. Das wuerde schlicht den Rahmen sprengen und waere auch wenig interessant. Generell aber kann ich glaube ich sagen: Je weiter man wegkommt von den Touripfaden desto interessanter werden die wenigen Weissen, die man trifft.
John z.B., der Schreiner aus Stuttgart, der seit nunmehr sechseinhalb Jahren unterwegs ist und sich seinen Lebensunterhalt mit ein paar Sommermonaten als Trekking-Guide in Malaysia verdient. Oder der Kerl, der seit vier Jahren in Jakarta lebt, obwohl er nie nach Asien wollte aber sein Flugzeug zum Praktikum in Australien feuer gefangen hat und in Bali notlanden musste – woraufhin er seine liebe zum Land entdeckt hat. John erzaehlte auch von einigen Leuten (hauptsaechlich Englaender), die sich daheim diverse Kreditkarten anschaffen, alle masslos ueberziehen und dann fuer 7 Jahre das Land verlassen und durch Asien reisen, bis alles verjaehrt ist. Lebenskonzepte, die man sich nicht unbedingt selber aneignen muss – aber es fasziniert mich doch immer wieder welche alternativen Moeglichkeiten der Lebensgestaltung es gibt, die von dem uns antrainierten Schema (Ausbildung->Job->Heirat->Kinder->Haus) abweichen.
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