Amritsar an der pakistanischen Grenze ist eigentlich nicht sehenswert, waere da nicht der goldene Tempel, das grosste Heiligtum der Sikhs. Die Sikhs sind eine Abspaltung der hinduistischen und buddhistischen Religionen, eigentlich eine kleine Bevoelkerungsgruppe, aber sehr einflussreich und auch erfrischend anders. Der “klassische” Klischee-Inder mit Turban ist eigentlich ein Sikh (Z.B. der Premierminister Manmohan Singh). Hier in Punjab ist das Bundesland mit den meisten Sikhs, und diese Fallen nicht nur durch ihren Turban auf, sondern auch durch ihr stolzes, freundliches und gepflegtes Auftreten, ihre teils traditionellen Klamotten und ihren immer getragenen traditionellen Saebel (die Sikhs sind u.a. durch ihre Kampfkuenste bekannt und heute noch als Soldaten begehrt). Der Saebel wird teils offen, teils als Miniaturausgabe unter der Kleidung getragen, so z.B. bei den beiden Typen, die gerade rechts von uns im Internetcafe sitzen.

Die Miniaturausgabe des Sikh-Saebels. Gibts in den Groessen "Ohrhaarschneider" bis "Furchteinfloessend".
Ja, wir sind in Amritsar, d.h. wir haben es geschafft Dharamsala zu verlassen und sind heute mit Bus, Zug und Rikshaw weitergereist. Obwohl wir eigentlich den ganzen Tag nur unterwegs waren haben wir irgendwie wieder eine Menge schoener Eindruecke auf der Reise zusammengesammelt; dieses Land lebt halt einfach von sich selbst… auf der Busreise z.B. fragt man sich immer wieder, wieso diese Busfahrer ueber die Strassen hetzen und in den Gegenverkehr reinrasen als gaebe es kein morgen, nur um dann irgendwann unvermittelt anzuhalten und “ten minutes” Pause zu machen, aus denen dann doch eine halbe Stunde wird. Auf den Zugfahrten -in der offenen Tuer sitzend und Musik hoerend- hat man immer wieder genug zu tun, irgendwelchen Jungs die Hand zu schuetteln, zu erklaeren dass man aus Germany kommt, dass Knut mein Bruder ist und dann noch ein paar Fotos von sich mit Indern machen zu lassen. Da stehn die irgendwie total drauf. Fotos von echten Weissen!
Aber der echte Knaller des Tages ist dieses Amritsar. Nicht die Stadt selber. Die ist wie jede Indische Stadt. Laut, dreckig, viel Gehupe und tausend kleine Strassenlaeden mit immer dem gleichen Kitsch (an dieser Stelle einmal ein Lob fuer die beiden grossartigsten westlichen Erfindungen: Fussgaengerzonen und Buergersteige!).
Doch der “golden Tempel” … wow! Ich meine, jetzt mal im Ernst – wir zwei haben ja schon den ein oder anderen Tempel gesehen, und eigentlich -salopp gesagt- scheissen wir mittlerweile auf Tempel. Aber dieser ist anders… in dem riesigen viereckigen Aussenkomplex ist ein grosser viereckiger See untergebracht, um den man herumlaufen kann und das Herzstueck, den goldenen Tempel selber, in der Mitte des Sees begutachten kann. Im goldenen Tempel sind schlappe 750kg Gold verarbeitet, und so sieht er auch aus. Ueber eine Bruecke gelangt man in den inneren Tempel selber, um dort betende und vorbeiflanierende Sikhs zu sehen, sowie Musiker, die Tablas und Harmonium spielen. Die Musik wird live auf die Aussenlautsprecher im gesamten Tempelgelaende uebertragen, was dem ganzen zudem etwas sphaerisches gibt. Bewacht wird der Tempel von ueberall herumstehenden Sikhs, die als Schweizer Garde mit ihren Lanzen aufpassen, das niemand seine Kopfbedeckung abnimmt oder “eine Arschbombe in den Teich” macht (das war uebrigens Knuts Vorschlag…).
Ich habe selten bis noch nie einen Ort mit so intensiver religioeser Dichte erlebt. Irgendwie kriegen die das hier ganz gut hin. Und man fuehlt sich als Weisser nicht mal fehl am Platz.
Im Gegenteil – im Tempelbereich ist ein riesiger Schlafkomplex untergebracht, wo die Besucher des Tempels -egal welcher Religion- kostenlos schlafen koennen und es sogar ein Matratzenlager fuer westliche Reisende gibt (in dem wir’s uns gemuetlich gemacht haben).
Ebenso kostenlos ist das Essen… es gibt hier eine Art Gemeinschaftskueche, wo jeder -ungeachtet Hautfarbe und Religion- zu Essen bekommt. Diese Kueche wird von Freiwilligen unterhalten (d.h. man kann auch mal Zwiebeln schneiden gehen, wenn man Lust hat) und gibt am Tag 40000 -in Worten Vierzigtausend!- Essen aus. In Stosszeiten bis zu 150 000.

...und vor dem Essen fassen sich alle an den Haenden, und dann heissts "Piep, piep, piep, wir ham uns alle lieb..."
Man marschiert einfach in die Essenssaele, setzt sich in die Reihe der schon Anwesenden mit seinem Blechteller auf den Boden, und dann laufen Sikhs in einem Heidentempo rum und schmeissen einem Roti (flaches Fladenbrot) und Linsenmatsch und Milchreis auf den Teller, und guten Appetit. Sehr eindrucksvoll, zumal das Essen auch noch wirklich schmeckt. Da kann eine deutsche Bahnhofsmission nicht mithalten!
Zwei schoene Szenen noch, als Knut und ich mit einer Fahrradrikshaw rausgefahren sind um die ein-Kilometer-Alkohol-Bannmeile um den Tempel zu verlassen und noch ein Bier zu ergattern: als wir dieses Stolz in der Hand hielten und auf einer gemuetlichen Hauptverkehrskreuzung auf einer Bank am Rand trinken wollten fingen ein paar Jugendliche an, sich direkt neben Knut zu pruegeln. Ein Polizist kam auf seinem Motorrad vorbei, hielt an, meinte zu Knut “Dont worry, Sir!” und hat dem Agressor unter den Jungs mal drei ordentliche Watschen auf den Hinterkopf gegeben.
Und kurz drauf (nach ein paar weiteren “Where are you from”-Gespraechen) meinte ein Typ noch “Hey guys! Me and my friend are gay. Are you interested?”. Fuer das an sich auesserst pruede Indien doch ein relativ offener Antrag.
Wir sind uebrigens nicht mitgefahren.




Erschreckend – aber ich hab grad total Appetit auf, naja, irgendwie Fladenbrot mit Linsen und zum Nachtisch (oder dazu… auch Wurscht) n Milchreis… Ehrlich!!
Kommentar von Maggy — März 2, 2010 @ 6:48 pm
Ich bin ja ganz froh, dass Ihr das Angebot nicht so verlockend fandet – das wär ein empfindlicher Verlust für die Damenwelt gewesen!!
Wo geht’s als nächstes hin??
Hoffe, es geht Euch gut und die Linsen haben noch keine (Darm) durchschlagende Wirkung entfaltet
LG Hanni
Kommentar von Hanni — März 2, 2010 @ 8:45 pm
http://www.tagesspiegel.de/
Knut kastrieren? Das lassen wir mal schön sein
Hi Jungens-
Der deutsche Presse kann man nichts verheimlichen!!! Alles spricht sich herum, wie man an der heutigen Titelzeile einer Berliner Zeitung sieht
Weiß Karin eigentlich was vom 3. Sohn ? Anyway warmest welcome in our family, Scholti, einen Reiseschriftsteller haben wir noch nicht !!
Gruß Jutta aus Kalkutta
Kommentar von juhe — März 3, 2010 @ 7:03 am
Ja, das mit dem gegenseitig lieb haben hat Euch ja der Dalai Lama beigebracht. Da ist es nur Recht, dass man dafuer was zu essen…. und seltsame Angebote bekommt. Schoen, dass Ihr Euch beim Angebot fuer Askese entschieden habt.
Ihr habt echt was gelernt von der Rede, was?
Kommentar von Steffi — März 4, 2010 @ 6:11 am
Was stand den in der Berliner Zeitung so? Die gibts hier naemlich eher selten zu lesen…
Kommentar von Stephan — März 4, 2010 @ 2:03 pm